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Edge Of The World: Krill Crisis

  • martinabirrer97
  • 9. Juni
  • 3 Min. Lesezeit

Die erste Interaktion in der «unberührten» Antarktis mit den Krill-Super-Trawlern fühlte sich für unsere Filmcrew fast schon wie inszeniert an. Weit in der Ferne sahen wir fünf noch ziemlich klein aussehende Schiffe, welche sich hinter Eisbergen und im Nebel versteckten. «Drone Pilot, Drone Pilot – Bridge. We have sight to the first Trawlers. You can prepare the Drone!» – klang es durch unser Radio.


Fast vier Wochen lang hatten wir auf offener See keine Schiffe mehr gesehen – entsprechend surreal war der Moment für unsere 36-köpfige Crew, welche sich fast alle an Deck versammelte, um die Trawler mit eigenen Augen zu sehen. Wir alle wussten durch Videos, was auf uns zukam. Manche von uns waren bereits zum vierten Mal hier, und dennoch war es für alle ein Moment voller Anspannung. «Werden wir es schaffen, dass diese Krillfischerei endlich verboten wird?»


Sea Shepherd Global geht seit 4 Jahren in die Antarktis und dokumentiert die massive Überfischung von Krill – ein kleines Krustentier, welches das Fundament des antarktischen Ökosystems bildet. Vor Jahren bekämpfte Sea Shepherd bereits den Walfang, welcher illegal in der Antarktis weitergeführt wurde. Erfolgreich. Doch es wartete bereits die nächste Herausforderung: die Krillfischerei.


Die Industrie versuchte zuerst, das kleine Tier den Leuten zum Essen schmackhaft zu machen. Ohne Erfolg – es ist kein Leckerbissen für den Menschen, sondern für die Wale, Pinguine und Seelöwen, welche auf es als Grundnahrungsmittel angewiesen sind.

Doch die Plünderung der Antarktis erwies sich als besonders einfach. Die kleinen Tiere leben in grossen Schwärmen; Netz rein, ein paar Mal hin und her fahren, und schon ist das Netz voll. Ein einziger Super-Trawler kann an einem Tag so viel fischen, wie hundert (100) Buckelwale fressen!



In der Antarktis, hinter gefühlt verschlossenen Türen, entsteht dadurch ein unfairer Wettkampf zwischen dem Ökosystem und den Trawlern. Seit Jahren wird massiv investiert: grössere Flotten, modernste Drohnentechnologie, welche das Wasser nach den grössten Schwärmen scannt, und sogenannte Transshipments. Dabei wird der Fang direkt in der Antarktis abgeholt und auf dem Weltmarkt verteilt – so können die Trawler Tag und Nacht weiterfischen, ohne die Antarktis je verlassen zu müssen. Sogar Personal, Nahrungsmittel und Treibstoff werden so zugeschifft.


Man mag sich fragen: Warum? Für den Menschen ist das Tier ja nicht schmackhaft. Die Antwort: Zuchtlachs und Omega-3-Supplements. Letzteres wird als nachhaltig angepriesen – angeblich wird nur 1% des Krills gefischt, und entsprechend sei es «nicht schädlich». Was nicht stimmt, denn es spielt eine Rolle, wo genau diese 1% herausgefischt werden.


Gemeinsam mit Wissenschaftlern untersuchte Sea Shepherd Global die South Orkneys – genau dort, wo die Fischerei besonders aktiv ist. Und genau dort leben auch die meisten Wale. Wird dieses eine Prozent also ausgerechnet in diesen Gewässern herausgefischt, nimmt die Industrie den Walen ihre gesamte Nahrungsgrundlage weg. Keine Propaganda – schlichtweg eine logische Rechenaufgabe.


Kommen wir zum Zuchtlachs. Wisst ihr, warum er mit Krill gefüttert wird? Damit er auf eurem Teller nicht grau ist, sondern rosarot. Denn Zuchtlachs wird grau – die Tiere werden auf engstem Raum gehalten und mit Antibiotika gefüttert. Da Krill von Natur aus rot ist, dient er quasi als Färbungsmittel. Man kombiniert also unethische Massentierhaltung mit der Plünderung des Südpolarmeers, damit die Leute am Sonntag beim Brunch rosaroten Räucherlachs auf dem Teller haben. Nachhaltigkeit klingt für mich anders.


Während den 100 Tagen auf See beschäftigte ich mich jeden Tag mit diesem Thema – entsprechend floss dieser Blogartikel quasi automatisch in die Tasten. Entstanden ist ebenfalls eine 9-teilige Webserie, bei der ich als Kamerafrau, Editorin und Datamanagerin mitgearbeitet habe. Schaut sie euch an. Ändert euer Verhalten beim Konsum von Krill-Produkten und Zuchtlachs – so tragt ihr am meisten dazu bei. Oder unterstützt Sea Shepherd mit einer Spende.


Und zur Frage, welche die gesamte Crew sich zu Beginn gestellt hat: Nein, wir haben es nicht geschafft, die Krillfischerei zu stoppen. Doch der Markt wurde aufgeklärt – und Deutschland wird den Verkauf von Omega-3-Supplements aus Krill um 80% zurückfahren. Ein wichtiger Anfang.

Ein kleiner Nachtrag: Die gesamte Reise machte ich ehrenamtlich und stellte sogar mein Equipment selbst zur Verfügung. Ich möchte damit nicht «jammern» – es war meine bewusste Entscheidung, und es war die beste Erfahrung, die ich je gemacht habe.


Dennoch löst es etwas in mir aus. Ist es nicht verrückt, dass man für aufrichtiges Gutes sofort mit Lohneinbussen bezahlt? Viele arbeiten freiwillig dafür, die Welt besser zu machen – doch zerstört wird sie von jenen, die Profit daraus schlagen. Die Krillfischerei ist ein Milliarden-Business, und Leute mit fast leeren Konten kämpfen dagegen an. Die Welt zu zerstören wurde ein Business – sie zu retten sieht man eher als Hobby. Ich wünsche mir eine Welt, bei welcher dies umgekehrt ist.



 
 
 

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